Abschied ist ein schweres Schaf

Abschiede sind meist freundlich, gern herzlich, dann und wann auch lieb. Grußformeln beenden eine Korrespondenz oft standardisiert, vielleicht noch meteorologisch, lokal oder adverbial nuanciert. Schlussformeln gehören sprachwissenschaftlich in die Phraseologie (!) und unterliegen nicht den Bedingungen der Aufrichtigkeit“. So weit, so gut. Ein kreatives Lebewohl mag ich sehr gern lesen, bleibt hier doch Raum für individuelle Ausbrüche. Echte Hingucker. Für jeden Autor, für jeden Briefeschreiber eine Chance. Zweimal hinsehen musste ich auch im folgenden Brief – und dann wurde mir schlecht. Was soll ich nur davon halten?

Wohlstandsgrüße???

Wohlstandsgrüße???

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15 Kommentare
  1. Jan David sagte:

    Wohl Grüße aus dem Sonnenwohlstand heraus oder wohlwollende Grüße an Adressat|in nach Sonne & Wohlstand. Von mir an dieser Stelle auf jeden Fall einen fetten Sonnengruß & immer schön viel Obst & Gemüse essen!

  2. Dem Schreibenden geht es wahrscheinlich einfach zu gut, drum hat er auch so eine fette Schrift gewählt.
    Wie soll ich mich nun aus dem Staub machen, ohne viel desselben aufzuwirbeln?
    Ich kann dir ja schlecht staubige Grüsse hinterherwünschen.

    • Stimmt, die Fettigkeit der Schrift ist mir so noch gar nicht aufgefallen. Staubige Grüße nehme ich dennoch gern… hüstl, hüstl

  3. Von solchen Grüßen las ich auch noch nie. Wohlstandsgrüße. Was kommt als Nächstes? Überflussgrüße? Überflüssige Grüße? ; )

    • Überflüssige Grüße würden momentan vielerorts auch prima zum Wasserpegel passen… Hochmut kommt vor dem Fall (der Typ nennt sich dann auch noch xy-Guru) und Du hast ganz Recht, da werden Grüße auch mal überflüssig! 😉

  4. Kommt der Briefschreiber aus dem fernen Osten?
    Die Vietnamesen wünschen einander Wohlstand und Glück. So gelesen im Wiki.

    • Oh! Ferner Osten wäre schön, ist wohl eher ein Paralleluniversum. Es ist ein Versicherungsmakler, der ‚Multiplikatoren‘ für seine Zusatzversicherungen sucht und bei meinem Mann als ‚Schmarotzer der Gesellschaft‘ betitelt im hohen Bogen aus dem Wartezimmer flog. Eine Woche später kam dann nochmal ein Schreiben mit besagtem Gruß. Paralleluniversum!

  5. ACR sagte:

    Danke!

    Habe schallend gelacht und mich an manches erinnert- zumal die Überschrift wunderbar viel Spielraum lässt.

    Meiner Erfahrung nach wollen »Abschiedsnehmer« oder »Abschiedsbekommer« demonstrieren, auf welcher Seite das letzte Wort liegt.
    Ist wie ein Ballspiel: Niemand kann ihn fangen, aber er liegt nun auf der »anderen Seite«.
    Wie eine Kerbe in den virtuellen Revolvergriff schnitzen: »Dem habe ich (noch) eine geschossen.«

    Mir sind Menschen begegnet, die ich eindeutig verabschiedet habe.. Wer mich dabei falsch oder nicht versteht, kann nicht anwesend gewesen sein.

    Ich werde nie laut, wähle allerdings eindeutige Worte. Beispielsweise: »Das mit uns wird nichts. Es liegt an mir. Ich mag Sie nicht.«

    Unmittelbar darauf kommt eine Nachricht, die mir einen späteren Anruf oder andersweitigen Kontakt avisiert. »Wir müssen reden!« wird sowas meist über- oder unterschrieben.

    Muss? Ich? Hatte ich nicht eindeutig gesagt, was ich gesagt haben will?

    Antworte ich nicht, kommt wirklich Post, Anruf oder gar »Besuch«. Also antworte ich vorsorglich:

    »Bitte- nein- müssen wir nicht. Es geht auch so bestens.

    Verabschiedet hatte ich mich bereits

    ACR«

    Manche haben daraufhin schon kurz und knapp so etwas wie »Blöde Kuh« geantwortet. Ich bin immer wieder überrascht, was dem Tierreich so untergeschoben wird, kann aber nicht nachholen, was Biologielehrer schon nicht zu vermitteln vermochten und lasse es reaktionslos stehen. Andere haben mir ihren ganzen Lebenslauf geschickt, um zu erklären, warum sie sind wie sie sind.

    Warum m ü s s e n Menschen denn unbedingt alle innig miteinander verbunden sein m ü s s e n? (Doppelmüssen ist gewollt)

    Zu meinem Bedauern unterliegen Anreden und Schlussformeln sprachwissenschaftlich nicht den „Bedingungen der Aufrichtigkeit“. So beginnen und enden sehr wichtige Schreiben meist mit einer Lüge. Streitende schreiben sich mit »hochverehrte« an und unterzeichnen mit »hochachtungsvoll«. Vollkommen Fremde ebenso oder ähnlich und wer sich gegenseitig nicht leiden kann, kramt immerhin noch ein »Liebe XXX » heraus und unterzeichnet mit »besten Grüssen«.

    Da ich mich daran nicht beteilige, gelte ich als sonderbar. Obwohl ich nie unter ein Schreiben
    »Sonderbare Grüsse« gesetzt habe.

    Ich kann es beweisen: *** lache

    Obwohl es heute hier grau in grau ist und Wind weht
    schicke ich keine angegraut – verwehten,
    sondern

    Viele Grüsse

    charlotte
    (ACR)

    • Liebe wunderbar sonderbare Charlotte,

      ich bin neidisch! Sonderbar zu sein, will verdient sein. Der Preis? Zwei-, drei-, vier- und weiß der Geier wie Vielklang. Chamäleons als Grund. Der wohlständige Briefschreiber nennt sich selbst ‚Guru‘, was ihm wohl auch die fetten Grüße erlaubt. Beachtlich, die Made im Speck ins letzte Wort betoniert. *krawummmmm*
      Das generelle Harmoniebedürfnis herrscht – unbestritten. Querschläger irritieren und verunsichern. Dein »Das mit uns wird nichts. Es liegt an mir. Ich mag Sie nicht.« ist grandios. Provokation der Eitelkeit. Alles will geklärt sein. Du sagst es – wozu auch. Sich nicht mögen, muss möglich sein müssen. Einer mag mich nicht, heißt eben nicht, dass mich keiner mag. Selbst wenn.
      Auf den letzten Gruß zu verweisen, ist nur konsequent. Eigentlich eindeutig, eigentlich, weil Eindeutigkeit vielleicht gar nicht zum Menschen gehört, vielleicht auch Einstellungssache, auf jeden Fall ungewohnt und ungewöhnlich.
      Aufrichtigkeit, selbst wenn es sie im Abschreiben gäbe, wäre schnell wieder verwerkzeugt. Ich bin von Natur aus ziemlich (ein-)deutlich, Ehrlich- wie Sachlichkeit wird dann schnell als Angriff (miss-)verstanden. Wen ich ernst nehme, kann ich doch nicht nur verhätscheln. Deine Deutlichkeit beruhigt mich ungemein! Der ‚sonderbare Gruß‘ wäre aber einen Versuch wert – doch, sonderbar komplementieren einen doch lieber andere. 😉

      Aufrichtige Grüße
      Franziska

  6. ACR sagte:

    ZItat: „Sich nicht mögen, muss möglich sein müssen. Einer mag mich nicht, heißt eben nicht, dass mich keiner mag. Selbst wenn.“

    Klasse. So empfinde ich es auch. „Selbst wenn“. Ich kann sowieso nicht beeinflussen, ob, wie und warum mich jemand mag. Selbst in allerhand Fällen, in denen mir endloses Mögen versichert worden ist, sind es, bei genauerem Hinschauen, nur Nettigkeiten gewesen, die, Rüschenbluse gleich, zu nix anderem taugen als Problemzonen zu kaschieren, was- wir wissen es alle- zur besonders auffälligen Betonung derselben führt.

    Lügen sind hübschende Rüschen und Feigheit sogar recht bunte. Es ist meines Empfindens nach unwürdig, jemand Ungemochten in dem Glauben zu lassen, er sei gemocht. Damit wird demjenigen jede Empathie abgesprochen und ihm ein dauerhaft unwohles Gefühl übergestülpt. Es ist aufrichtig, dem Anderen nicht dieses dieHoffnungstirbtzuletzt- Gefühl aufzupfropfen. Es verleitet zum Nichtstun, abwarten, bis die Hoffnung sich erfüllt.

    Von niemand gemocht zu werden ist gar nicht möglich. Liebreiz hat jeder Mensch. Zur Liebe reizen … ist allen Lebewesen inn die genetische Wiege gelegt.

    Wer wen tatsächlich mag, stellt sich erst heraus, wenn das Leben nachwiegen muss. Meist reicht Mögen nur bis dahin, wo sich die Meinungen trennen und das Jasagen zur Pflicht wird. Ich mag es nicht mal als Kür.
    Ausserdem gibt es weltweit mehr Menschen, die sich gar nicht kennen als sich nicht mögen und die sind wiederum mehr als die Sichmöger.

    Und schon an dieser unglaublich schmerzenden Satzbaustelle wird die Krux an dem Ganzen deutlich- das ständige Vergleichen. Mich mögen weniger als Dich aber dafür kann ich mehr leiden als Du.

    Das ist mir zu kompliziert. Ich spiel nicht mehr mit.

    Ich mag mich, bin geradezu begeistert von mir. Das ist Basis meines Lebens. Alles weiter … wäre ohne diese Basis wesentlich unangenehmer als jetzt.

    Vergleichendes altes Mädchen
    grüsst hinaus in die Welt

    lachend

    charlotte
    (ACR)

    • In Zeiten, in denen ich vermeintlich alle mögen soll, nur ja nicht mich selbst, ist ein „Ich mag mich, bin geradezu begeistert von mir.“ eine echte Erholung. Das von Dir zu lesen, freut mich ungemein. Sonderbar richtig, weil wunderbar. Wenn es um Kritik geht, soll ich möglichst bei mir selbst anfangen – und beim Mögen? Das kann doch nicht gesund sein.
      Die Pflicht, ja zu sagen – leidig, sehr leidig. Selbstbestimmung als Wohlstand – würd ich sofort nehmen. Blümchen mit Kalkül, dabei braucht jede Pflanze erstmal Dreck, Wasser und Sonne. Sonst blüht gar nix. Wie lieb ich mich haben darf, kann ich heute errechnen – echte Freunde plus Freunde plus Follower plus Likes – Spieglein, Spieglein in der Hand, wer ist die beliebteste am ganzen Strand. Surf Baby, surf!
      Liebreiz – ein schönes Wort! Und weil das Angebot irgendwie die Nachfrage bestimmen soll – wo ist er, der, den keiner mag? Aufzeichnungen aus dem Kellerloch…

      Ich mag Dich. Das liegt an mir. 😉

      Franziska

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