Sakrosankt: DER Blog! Plädoyer für digital-etymologische Gelassenheit

Kampf der Geschlechter: Die leidigen Ermahnungen, es hieße das Blog und nicht der Blog. Wann mögen die Social Newbies das endlich begreifen! Alt-Blogger als Sprachwächter? Schuster bleib bei deinen Leisten! Sprachgeschichte beginnt nicht erst in den 1990ern. Sprache ist pro domo demokratisch und deren Geschichte ist kein kalter Kaffee.

der_BlogIch bin neu im Netz, doch lesen, schreiben, sprechen und denken, das konnte ich schon vor dem Millennium. Des Dilettantismus verdächtig, bemühe ich im druckstelle-blog konsequent den männlichen Blog. Von den Platzhirschen und Hirschlein werde ich wie alle Der-Blog-Sager belächelt und vermeintlich entlarvt. Duden war gestern, der ermöglicht beides, ewig gestrig. In der Akte ‚Blog‘ viel zu liberal. Ha, der Duden! Für viele überflüssiger Ballast der Gutenbergzeit, für mich im Digitalen unersetzlicher denn je. Es kommt, wie es kommen muss: Monologisch gerate ich unter Rechtfertigungszwang. Nun denn, ich erhebe meinen Zahnstocher gegen die Sprachwächter 2.0.

Neutrales
Es gibt nicht die eine, richtige und immer gültige Regel, wie das Genus eines Lehnwortes etwa ins Deutsche übernommen wird. Sprache ist dynamisch und lebendig. Wir sagen das Plädoyer, obwohl es im Französischen le plaidoyer heißt, ein Mike wird auch mal zum Maik und ein mobile phone zum Handy. Doch zurück zum Geschlecht unseres Blogs: Sächlich weil sachlich ist dieser im Englischen ein it und im Französischen? Oh Dilemma! Die Franzosen haben nicht so sehr die Qual der Genus-Wahl, müssen sie sich doch lediglich zwischen Männlein und Weiblein entscheiden. The winner is: le blogue. Und die Deutschen? Wir werfen uns Zuckerflieger durch den Regen. Es müsse das Blog heißen, weil es doch als ‚das Logbuch‘ zu übersetzen ist. Soso.

Feminines
Meine Oma sagt Schneeschuh, ich sage Ski. Nur weil sie eher dran war, ist ihre Sprache nicht zwingend meine und ihr Schneeschuhfahren ist deswegen nicht richtiger als mein Skifahren. Wenn sie Schneeschuh fährt und ich Ski, dann ist es zwar das Gleiche, aber nicht ganz dasselbe. Guckt Euch doch mal Schneeschuhe an! Das elitäre Blog ist vielleicht etwas anderes als der gemeine Blog.

Maskulines
Mein Opa als Steinzeit-Informatiker saß an Projekten wie der Turingmaschine. Ein echter Zahlenmensch. PC? Sowas kam ihm nicht ins Haus, unnützer Firlefanz. Er hätte bestimmt das Blog gesagt und den Ausdruck als Terminus technicus, als Fachbegriff, verwendet. Mit Recht. Otto Normal hätte ihn wenig interessiert. Sowenig wie der Biologe mit der Petrischale wirft, wenn sein Virus sächlichen Geschlechts in der Alltagssprache zum Jüngling reift: ‘Das Virus‘ wird zu ‘der Virus‘. Dann auch noch das: der Computervirus! Wo sind die Beschwerden? Es kommt noch dicker: Der Website. Wenn auch nicht im Duden verankert, denkbar wäre es gewesen. Wäre, hätte das deutsche Sprach-Community so entschieden. ;o)

Persönliches
Ich, die Null-Instanz, bleibe also beim der Blog. Nicht, weil ich damit en vogue sein möchte, nicht weil ich gegen die Alt-Blogger rebellieren will, sondern einfach, weil es meine Sprache und mein Gefühl dafür ist. Solange auch der Duden – ja, ich vertraue auf dieses Standardwerk! – es zulässt, kein Problem. Und wer das Blog präferiert, na der soll dies auch tun. Ich gehöre nicht zu den Bloggern der ersten Stunde, ich will auch nicht so tun – warum sollte ich. Ob männlich oder sächlich, in diesem Fall: Sprachsache!

18 Kommentare
  1. acrprivat sagte:

    Grundsätzlich bin ich gegen die „Das ist klasse geschrieben – Kommentare“. Nachdem ich mir die jedoch inzwischen
    m e h r m a l s verkniffen habe, muss ich es wenigstens einmal loswerden. Ich bedaure aufrichtig, diesen Blog nicht schon eher gefunden zu haben. Nun schaffe ich es wahrscheinlich nicht, ihn nachzulesen- also restlos hinterherzulesen 😉 bleibe aber aus reinem Egoismus von nun an- „am Ball“.

    Danke sehr!

    ACR

    • Ich danke! Ein solches Lob, das motiviert! Es freut mich sehr, wenn mein Geschriebenes nicht nur Wanderdüne in der Wortwüste ist. Da ich Dein Schreiben sehr schätze, liebe ACR, bedeutet es mir umso mehr!

  2. Und ich Hinterwäldler wusste bislang nicht mal von Leuten, die das problematisieren!
    (Ich amüsiere mich eher an der Front des „Deppen-Apostroph’s“. Ist aber auch lustig.)

    • Progression kommt doch meistens aus dem Hinterhalt! ;o) Hätte ich neulich nicht in einer aktuellen (leider nicht zitierfähigen) ‚Anleitung für Social Media‘ vom ‚Der-Blog-Fauxpas‘ gelesen, ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen. Dem Otto’s sein Strich da oben – macht halt was her! ;o)

  3. Ich bin wohl weder ein Jung- noch ein Altblogger und habe bis heute immer das Blog geschrieben. Es ist ein lustiger Zufall, dass ich heute zum ersten Mal der Blog geschrieben habe, weil mir das Blog schon lange merkwürdig vorkam. allerdings habe ich den Tweet geschrieben, bevor ich diesen Artikel gelesen hatte. Ähnlich könnte man sich wohl zum Thema Email amüsieren, denn zumindest in Österreich heißt es wohl der Email. Wie gut, dass es den Duden gibt, der doch immer wieder neue Worte aufnimmt!

    • Ja, der Duden. Das ist auch ein Thema für sich. Was wird er hier im Netz angegriffen! Dass auch Wort-Kunst von Wort-Können kommt, scheint sprachlicher Anarchie weichen zu sollen. Aber nix da! Zahnstocher ausgepackt!

  4. „Das“ Blog tönt für meine Schweizer Ohren total daneben. Im Dialekt noch viel mehr als im Schriftdeutschen, denn „dä Blog“ geht leicht über die Lippen; „s’Blog“ dagegen wäre DER Zungenbrecher.
    Trotzdem ist mein Blog sächlich, oder würdest du DER Flohnmobil sagen?

    • Genau, „dä Blog“ ist herrlich! Das Schöne an ‚Kunstnamen‘ ist gerade, dass sie ihr eigenes Geschlecht mitbringen: DAS Flohnmobil; und sich nur in Zusammensetzungen devot zeigen müssen: DER Flohnmobil-Blog, DIE Flohnmobil-Site, DAS Flohnmobil-Projekt. Grüße in die Schweiz!

    • Klausbernd sagte:

      Als Deutschengländer und Linguist klingt für mich „der Blog“ fein und wie für dich als Schweizerin hört sich „das Blog“ irgendwie komisch an. Da der Begriff jedoch vom guten alten Logbuch stammt, kann ich „das Blog“ auch verstehen. Ich jedoch bleibe als Altblogger (und übrigens als Führer von Logbüchern auf Expeditionen) bei „der Blog“. Der Duden lässt ja gelassen beides zu – also warum sich darüber Gedanken machen. Keep cool 😉
      Herzliche Gruß vom kleinen Dorf am großen Meer in die Berge
      Klausbernd

  5. Ich habe lange „Der Blog“ gesagt, rein gefühlsmäßig, bis man mich belehrte. Dann habe ich mich gefügt und nicht weiter nachgedacht. Ehrlich gesagt, auch nicht im Duden nachgelesen. Ab jetzt heißt es bei mir weider „Der Blog!“ weil du mich daran erinnert hast, dass man auch mal seinem Gefühl folgen darf. Danke 🙂

    • Hallo und willkommen! Theoretisch spricht nichts dagegen. Praktisch ist dann wohl die Endung -og für unsere Ohren eher maskulin (bsw. der Prolog, der Katalog usw.) und dann ist auch noch die Nähe zum Block, der den Blog für Nich-Techniker-Öhrchen wohl zum Männlein macht. Log im Englischen stammt wahrscheinlich aus dem Altnordischen, aber was da so ganz genau los ist, weiß ich auch nicht. 😉 Überlege die ganze Zeit, was geschrieben oder gesprochen auf -og feminin ist… Mir fällt kein Beispiel ein – vielleicht klingt die Blog ja deswegen eher ungewohnt. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden… ;))

  6. Carolin sagte:

    Mein Grund dafür, dass mir die Ohren bluten, wenn ich „der blog“ höre, ist einfach: Blog ist kurz für web logbook bzw. Weblogbuch. „der“ und „Buch“ passt für mich einfach nicht …

    In nicht allzuferner Zukunft wird vermutlich auch „ich kann nicht wegen dem Termin“ korrektes Deutsch sein. Ich persönlich werde aber immer noch innerlich winseln, wenn ich es lese … 🙂

    • Hallo Carolin! Es ist eben Geschmackssache. Falsch ist DER Blog nicht, auch wenn es im Deutschen DAS Buch heißt. Die lexikalische Entsprechung ist eben nicht alles. Noch ein Beispiel: DAS Interview ist auch ein Anglizismus, jedoch bereits aus dem 19. Jahrhundert, also nix mit neumodischem Sprachkram oder so. Ein deutscher Begriff hierfür wäre DIE Befragung. So hieß es dann auch erst DIE Interview. Da bluten mir dann aber auch die Ohren – ich bin es nicht (mehr) gewohnt. Heute heißt es ausschließlich DAS Interview, lexikalische Entsprechung hin oder her. Was aus dem Blog mal wird, soll sich noch zeigen… Und wenn sich der Genitiv irgendwann einmal verschliffen haben sollte, na dann soll es eben so sein. Sprache ist halt demokratisch! 😉 Liebe Grüße

  7. Steffy sagte:

    Cooler Blog-Artikel! Der Blog ist toll 😉
    Auch ich tendiere zum „Der“ und habe mich gefragt, wie das andere Personen sehen. Eine kleine Twitterumfrage mit 30 Teilnehmern hat ergeben, dass 50 Prozent „Der Blog“ sagen, 30 Prozent „Das Blog“, und 20 Prozent verwenden beide Artikel.

    Das Ergebnis findet ihr hier: http://twtpoll.com/ynbcbm

    Ich bin gespannt, was sich langfristig durchsetzen wird!

    Viele Grüße
    Steffy

  8. Hallo Steffy! Schön, dass Du hierher gefunden hast. Na und dankedankedanke für die Blumen! Deine Umfrage-Ergebnisse finde ich interessant. Denn gefühlt muss man wohl auch noch online und offline unterscheiden: Mein Umfeld ohne Social Media Erfahrung sagt einstimmig ‚der Blog‘. Wenn aber schon der größere Teil Deiner online-Teilnehmer für ‚der Blog‘ stimmt, scheint es eher in Richtung Allgemeinheit und damit zum Maskulinum zu gehen. Die Duden-Redaktion wird schon wissen, warum sie beides durchgehen lassen. Liebe Grüße

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